Die Krise der deutschen Industrie

Wenn über die Krise der deutschen Industrie berichtet wird, tauchen meist dieselben Begriffe auf: Energiepreise, China, Zölle, Elektromobilität, Regulierung, Lohnkosten. Tatsächlich stehen viele kleine und mittelständische Produktionsunternehmen seit Jahren unter erheblichem Druck. Zahlreiche Familienunternehmen, die als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gelten, kämpfen gleichzeitig mit sinkender Nachfrage, schrumpfenden Margen und hohen Investitionskosten. Manche reduzieren ihre Belegschaften, streichen Boni oder leiten Restrukturierungen ein. Die Unternehmensführungen dafür zu kritisieren, ist einfach. Wer jedoch näher an die Realität dieser Betriebe herantritt, erkennt schnell, dass auch sie längst nicht mehr über viele Handlungsspielräume verfügen.

Und dennoch irritiert mich etwas an der öffentlichen Debatte. Fast alle Diskussionen kreisen um Kosten. Wie lassen sich Ausgaben senken? Wie kann Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen werden? Wie lässt sich die Produktivität steigern? Das sind zweifellos wichtige Fragen. Doch die Zukunft einer Industrie entscheidet sich nicht allein über Kostenstrukturen. Es gibt eine andere Frage, die selten gestellt wird: Wer wird diese Arbeit in Zukunft überhaupt noch machen wollen?

Deutschland hat auf diese Frage lange Zeit eine bemerkenswert gute Antwort gefunden. Facharbeiter genossen gesellschaftliches Ansehen, die berufliche Ausbildung wurde nicht als Alternative zweiter Klasse zur Universität betrachtet, sondern als gleichwertiger Bildungsweg. Viele Länder haben das deutsche Ausbildungssystem deshalb bewundert und studiert. Die Stärke der deutschen Industrie beruhte nicht allein auf Maschinen, Technologien oder Patenten. Sie beruhte auch darauf, dass qualifizierte Menschen bereit waren, in diese Berufe einzusteigen und dort über viele Jahre zu bleiben.

Doch die Attraktivität einer Branche verschwindet oft früher als ihre wirtschaftliche Stärke. Sie geht nicht erst verloren, wenn Fabriken schließen. Sie geht verloren, wenn Menschen aufhören, sich ihre eigene Zukunft in dieser Branche vorzustellen. Und dieser Wandel erscheint selten sofort in Statistiken.

Als jemand, der in Südkorea aufgewachsen ist, kommt mir diese Entwicklung bekannt vor. Auch Südkorea ist eine Industrienation. Doch das Bild in den Industriegebieten und Produktionsstätten hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren deutlich verändert. Immer mehr Arbeitsplätze werden von Menschen aus Vietnam, Thailand, Nepal oder Usbekistan besetzt. Sie sind zu einem unverzichtbaren Teil der koreanischen Wirtschaft geworden. Viele Betriebe könnten ohne ihre Arbeit kaum noch funktionieren.

Das ist nicht das Problem. Südkorea leidet seit Jahren unter Arbeitskräftemangel, und ausländische Beschäftigte helfen dabei, diese Lücken zu schließen. Interessant ist etwas anderes: Nicht die steigende Zahl ausländischer Arbeitskräfte hat die Industrie unattraktiv gemacht. Vielmehr wurde die Industrie unattraktiv, bevor die Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften zunahm.

Die Fertigungsindustrie blieb das Fundament der koreanischen Wirtschaft. Doch die Produktionshalle wurde zunehmend als ein Ort wahrgenommen, an dem zwar jemand arbeiten muss, aber möglichst nicht die eigenen Kinder. Irgendwann begannen viele Eltern, ihren Kindern zu sagen, sie müssten härter lernen, um später nicht in einer Fabrik zu arbeiten. Wer keinen Hochschulabschluss erreiche, lande am Fließband – dieser Gedanke wurde stillschweigend Teil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Je sichtbarer ausländische Arbeitskräfte in den Produktionsstätten wurden, desto stärker verfestigte sich diese Wahrnehmung. Die Industrie blieb respektiert, aber sie wurde nicht länger bewundert.

Deutschland befindet sich noch nicht an diesem Punkt. Das gesellschaftliche Ansehen von Facharbeitern ist weiterhin hoch, und das duale Ausbildungssystem gehört nach wie vor zu den großen Stärken des Landes. Dennoch erinnert mich die wachsende Abhängigkeit von migrantischen Arbeitskräften in Teilen der Logistik, des Bauwesens und der Industrie an Entwicklungen, die ich aus Südkorea kenne. Der Bedarf an ausländischen Arbeitskräften und die schleichende Distanz der eigenen jungen Generation zu bestimmten Berufen sind nicht dasselbe. Doch beides tritt häufig zur gleichen Zeit auf.

Die deutsche Industrie steht heute vor der schwierigen Aufgabe, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Doch Wettbewerbsfähigkeit wird nicht allein durch Energiepreise, Produktionskosten oder Investitionsvolumen bestimmt. Sie hängt auch davon ab, welche Bedeutung eine Gesellschaft einer Branche zuschreibt. Wenn junge Menschen Produktionsberufe nicht mehr als Teil ihrer eigenen Zukunft betrachten, dann handelt es sich nicht mehr nur um ein Arbeitsmarktproblem, sondern um einen kulturellen Wandel.

Südkorea hat diesen Prozess bereits erlebt. Die Fabriken verschwanden nicht. Die Unternehmen überlebten. Die Exportzahlen blieben beeindruckend. Und dennoch wurde die Industrie für viele junge Menschen nach und nach zur Zukunft anderer Menschen. Sie blieb das Zentrum der Wirtschaft, aber nicht länger das Zentrum der gesellschaftlichen Vorstellungen von Erfolg.

Erst später wurde deutlich, wie schwer es ist, eine verlorene Attraktivität zurückzugewinnen. Produktivität lässt sich steigern. Kosten lassen sich senken. Doch wenn eine Branche einmal aufgehört hat, ein Ort zu sein, an dem sich die nächste Generation ihre Zukunft vorstellen kann, beginnt eine andere Art von Krise – eine, die in keiner Bilanz auftaucht.

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Leiser gewordene Deutsche