Kinder als Störfaktor
Südkorea verzeichnet seit Jahren die niedrigste Geburtenrate der Welt. Zwar berichten Medien inzwischen vereinzelt über leichte Erholungen der Zahlen, doch viele Provinzstädte versuchen weiterhin mit hohen finanziellen Prämien, junge Familien zum Kinderkriegen zu bewegen.
Vor Kurzem besuchte ich ein kleines Restaurant in einer koreanischen Kleinstadt. Als ältere Männer unsere Kinder sahen, sagten sie: „Heutzutage sieht man hier kaum noch Kinder.“ Was mir im Gedächtnis blieb, war weniger der Satz selbst als die Stimmung, die darin lag — Freude und Melancholie zugleich.
Die Ursachen der koreanischen Niedriggeburtenrate wurden bereits unzählige Male analysiert: explodierende Immobilienpreise, extremer Bildungsdruck, prekäre Arbeitsverhältnisse, Karriereunterbrechungen und die hohe Belastung durch Kinderbetreuung. All das beschreibt reale strukturelle Probleme der koreanischen Gesellschaft.
Doch mit zunehmender zeitlicher und räumlicher Distanz zu Korea drängte sich mir eine andere Frage auf.
Ist Korea überhaupt noch eine Gesellschaft, in der die Existenz von Kindern als selbstverständlich gilt?
Wenn ich heute nach Korea reise, übernachte ich nicht bei meinen Eltern. Wie die meisten koreanischen Familien leben auch sie in einem Apartmenthaus. Die koreanische Wohnkultur ist außergewöhnlich sensibel gegenüber Geräuschen zwischen den Stockwerken. Kinder jedoch rennen, springen, fallen hin und werden laut. Genau diese natürlichen Bewegungen werden in Korea schnell als Belästigung wahrgenommen.
Deshalb beginnt die Anspannung oft bereits bei der Suche nach einer Unterkunft. Manche Unterkünfte lehnen Familien mit Kindern offen ab. Andere verschicken direkt nach der Buchung Hinweise wie:
„Bitte achten Sie darauf, dass Ihre Kinder nicht rennen oder laut sind.“
Diese Nachrichten wirkten auf mich anfangs befremdlich. Noch bevor überhaupt etwas passiert war, schien allein die Anwesenheit eines Kindes bereits als potenzielles Problem verstanden zu werden.
Tatsächlich eskalieren Konflikte wegen sogenannter Trittschallgeräusche in Korea immer wieder bis hin zu Gewalt oder sogar Tötungsdelikten. Das Thema ist gesellschaftlich so präsent, dass darüber Filme produziert werden. Familien legen dicke Schallschutzmatten in ihre Wohnzimmer, Einkaufszentren verkaufen lärmdämpfende Hausschuhe für Kinder längst als gewöhnliches Alltagsprodukt.
Natürlich sind Lärmprobleme in dicht besiedelten Wohnanlagen nicht bedeutungslos. Niemand möchte dauerhaft unter wiederkehrenden Geräuschen leiden. Dennoch entsteht zunehmend der Eindruck, dass sich die gesellschaftliche Empfindlichkeit längst nicht mehr nur gegen den Lärm selbst richtet, sondern gegen die Existenz von Kindern.
Diese Atmosphäre zeigt sich auch in Restaurants und Cafés.
„No Kids Zones“ gehören in Korea inzwischen zum gesellschaftlichen Alltag. Gemeint sind Orte, an denen Kindern der Zutritt eingeschränkt oder vollständig untersagt wird. Sicherlich haben einzelne rücksichtslose Eltern zu dieser Entwicklung beigetragen. Gleichzeitig offenbart sich darin jedoch auch eine gesellschaftliche Stimmung, in der Räume mit Kindern zunehmend mit Stress, Unruhe und Erschöpfung verbunden werden.
Wird ein Kind in einem Restaurant nur etwas lauter, spüren Eltern sofort die Blicke der anderen Gäste. Viele zeigen ihren Kindern deshalb während des gesamten Essens Videos auf dem Smartphone, damit sie ruhig bleiben. Häufig wirkt das weniger wie eine pädagogische Entscheidung als wie der Versuch, im öffentlichen Raum nicht negativ aufzufallen.
Besonders sichtbar wird diese Spannung auf Langstreckenflügen nach Korea.
Nicht selten begegnet man dort genervten oder erschöpften Blicken, noch bevor ein Kind überhaupt geweint hat — als wäre allein seine Anwesenheit bereits eine Zumutung.
Einmal weinte mein Kind während eines langen Fluges so ununterbrochen, dass ich fast zwei Stunden vor der Flugzeugtoilette stehen blieb. Tatsächlich berichten koreanische Medien regelmäßig über Beschimpfungen oder aggressive Auseinandersetzungen zwischen Passagieren wegen weinender Kinder an Bord.
Vor einigen Jahren wurde zudem die Geschichte einer koreanischen Mutter bekannt, die auf einem Flug von den USA nach Korea allen Passagieren Ohrstöpsel, kleine Snacks und einen Entschuldigungsbrief verteilte, noch bevor das Flugzeug gestartet war. Viele bezeichneten dies als Ausdruck besonderer Rücksichtnahme und vorbildlicher Höflichkeit.
Gleichzeitig wirkte diese Szene jedoch wie ein Symbol für eine Gesellschaft, in der die Existenz eines Kindes sich vorsorglich entschuldigen muss.
In Korea existieren Ausdrücke wie „das schwierige vierte Lebensjahr“ oder „das schwierige fünfte Lebensjahr“. Ursprünglich beschreiben sie Kinder in einer besonders lebhaften Entwicklungsphase. In der Realität sind es jedoch oft genau jene Jahre, in denen Kinder am stärksten kontrolliert werden und Eltern lernen, permanent die Reaktionen ihrer Umgebung zu beobachten.
Kinder weinen, rennen und bekommen Wutanfälle. Doch in Korea wird selbst dieses kurze Scheitern von Kontrolle schnell zur Verantwortung der Eltern erklärt.
Besonders hart trifft diese gesellschaftliche Strenge Frauen. Über Jahre hinweg war im koreanischen Internet der Begriff „Mom-Chung“ verbreitet — eine abwertende Bezeichnung, die das Wort „Mutter“ mit einem Ausdruck für Ungeziefer kombiniert. Gemeint sind Mütter, die ihre Kinder im öffentlichen Raum angeblich nicht ausreichend kontrollieren.
Die Diskussion über Koreas niedrige Geburtenrate konzentriert sich häufig auf wirtschaftliche Faktoren. Zweifelsohne spielen finanzielle Belastungen eine zentrale Rolle. Doch die Entscheidung für Kinder wird nicht ausschließlich unter ökonomischen Gesichtspunkten getroffen. Ebenso entscheidend ist die gesellschaftliche Atmosphäre, in der Kinder aufwachsen — und die Frage, ob Eltern sich im öffentlichen Raum bewegen können, ohne permanent Schuldgefühle, Anspannung oder Rechtfertigungsdruck zu empfinden.
Gerade darin scheint Korea zunehmend an seine Grenzen zu geraten.
Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, die zwar betont, Kinder zu lieben, zugleich jedoch immer empfindlicher auf ihre tatsächliche Existenz reagiert.
Die niedrige Geburtenrate in Korea lässt sich deshalb nicht allein mit wirtschaftlicher Unsicherheit oder hohen Lebenshaltungskosten erklären. Sie ist auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Atmosphäre, in der das Leben mit Kindern zunehmend von Anspannung, Kontrolle, ständiger Rücksichtnahme und sozialem Rechtfertigungsdruck geprägt wird.
Einer Gesellschaft, die die natürliche Existenz von Kindern immer weniger aushält.
Und möglicherweise liegt genau darin eine der tiefsten emotionalen Ursachen der koreanischen Niedriggeburtenrate.

