Wer was in seinen Einkaufswagen legt
Einer der Orte, die mich nach meiner Ankunft in Deutschland am meisten beeindruckt haben, war der Supermarkt.
Deutschland wirkte auf mich zunächst wie eine vergleichsweise egalitäre Gesellschaft. Die Menschen lebten eher bescheiden, und auf den ersten Blick ließ sich kaum erkennen, wer mehr besitzt als andere. Es schien ein Land zu sein, in dem alle mit ähnlichen Einkaufswagen durchs Leben gehen.
Doch je länger man hier lebt, desto deutlicher spürt man, dass es auch in dieser Gesellschaft klare Unterschiede gibt. Besonders sichtbar werden sie ausgerechnet im Supermarkt um die Ecke.
Denn ein Supermarkt ist in Deutschland nicht nur ein Ort zum Einkaufen. Dort lassen sich ganz selbstverständlich Lebensrealitäten beobachten – Lebensstandards, Wertevorstellungen und die Art, wie Menschen ihren Alltag organisieren.
In Discountern sieht man oft Menschen, die jeden Euro ihres Haushaltsbudgets genau kalkulieren müssen. Menschen, die Prospekte studieren, um Sonderangebote zu finden. Brote mit Rabattaufklebern, große Packungen Tiefkühlkost und ältere Menschen, die lange vor dem günstigsten Liter Milch stehen und Preise vergleichen. Seit den stark gestiegenen Energie- und Lebensmittelkosten gehören solche Szenen immer mehr zum vertrauten Bild deutscher Städte.
In Premium-Supermärkten oder Biomärkten herrscht dagegen eine andere Atmosphäre.
Dort prüfen Menschen aufmerksam die Herkunft von Gemüse, während auf dem Kassenband Bio-Wein und vegane Joghurts liegen. Nachhaltigkeit, Gesundheit und Umweltbewusstsein wirken hier nicht nur wie persönliche Vorlieben, sondern wie ein eigener Lebensstil.
Deutschland verstand sich lange als stabile Mittelschichtsgesellschaft.
Doch in den vergangenen Jahren scheinen sich die Lebenswelten der Menschen selbst innerhalb derselben Stadt zunehmend voneinander zu entfernen.
Interessant ist dabei, dass die deutsche Klassengesellschaft weniger offen zur Schau gestellt wird als in vielen anderen kapitalistischen Ländern. Nicht teure Autos oder auffällige Luxusmarken unterscheiden die Menschen am deutlichsten, sondern viel subtilere Dinge: welches Brot man kauft, welchen Kaffee man trinkt oder was in der Brotdose eines Kindes liegt.
Besonders sichtbar werden diese Unterschiede bei Familien mit Kindern.
Bio-Babynahrung, nachhaltige Kleidung, allergikerfreundliche Lebensmittel, ausreichend Zeit für Betreuung und die Ruhe, sich all das leisten zu können – obwohl Deutschland nach außen oft weniger wettbewerbsorientiert wirkt, gibt es auch hier Lebensweisen, die sich nur Familien mit genügend finanziellen und zeitlichen Ressourcen dauerhaft leisten können.
Natürlich lässt sich das Leben eines Menschen nicht allein anhand seines Einkaufswagens beurteilen. In Deutschland kaufen Menschen aller sozialen Schichten bei Discountern ein, und auch Bio-Produkte sind längst kein exklusiver Luxus mehr. Doch je länger man hinsieht, desto mehr entsteht der Eindruck, dass die Fähigkeit, bestimmte Konsumentscheidungen dauerhaft ohne Sorge treffen zu können, letztlich eng mit sozialer Sicherheit und persönlicher Freiheit verbunden ist.
Wenn man durch deutsche Supermärkte geht, entsteht deshalb manchmal ein seltsames Gefühl.
Die Menschen wirken nach außen ähnlich bescheiden, doch die Produkte auf dem Kassenband erzählen oft von sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten.
Manche erleben Inflation nur als Nachricht in den Medien.
Andere spüren sie jeden Abend beim Öffnen ihres Kühlschranks.
Deutschland wirkt oft wie ein Land, in dem alle ein ähnliches Leben führen.
Doch die Unterschiede zeigen sich hier nicht unbedingt im großen Erfolg oder offensichtlichen Reichtum, sondern manchmal viel deutlicher auf einem ganz gewöhnlichen Abendessenstisch.

